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Schmerzgrundlagen: Treibermodell

Schmerz lässt sich als eine unangenehme Sinnes- und Gefühlserfahrung definieren, die mit tatsächlicher oder möglicher Gewebeschädigung verbunden ist oder einer damit verbundenen Erfahrung ähnelt. [1]

Diese Definition macht deutlich: Schmerz kann mit dem Zustand von Körperstrukturen zusammenhängen, ist aber nicht einfach ein direkter Ausdruck davon. Er ist eine reale Erfahrung, die durch Körper und Nervensystem verarbeitet wird.

Wenn Schmerzen länger bestehen, wiederkehren oder sich nicht eindeutig durch einen einzelnen Befund erklären lassen, entsteht deshalb oft Unsicherheit. Viele Menschen fragen sich dann, ob im Körper etwas übersehen wurde, ob Bewegung und Belastung gefährlich sind oder warum Beschwerden an manchen Tagen stärker sind als an anderen.

Gerade bei muskuloskelettalen Beschwerden zeigt sich aber häufig: Schmerz und Einschränkung werden nicht immer nur von einer einzelnen Struktur bestimmt. Oft wirken mehrere körperliche, neurophysiologische, gedanklich-emotionale und kontextbezogene Faktoren zusammen.

Aus der Rückenschmerz-Rehabilitation stammt mit dem Treibermodell ein mögliches Verständnis dafür. [2]

Treiber sind dabei individuelle Einflussfaktoren, die dazu beitragen können, dass Schmerzen entstehen, stärker werden oder länger anhalten. Man kann sie auch als Reize oder Belastungsfaktoren verstehen, die vom Körper verarbeitet werden müssen.

Das bedeutet nicht, dass Schmerz eingebildet ist. Schmerz ist immer eine reale und persönliche Erfahrung. Das Modell hilft aber zu verstehen, warum Beschwerden manchmal nicht nur durch einen einzelnen Befund erklärbar sind.

Dabei ist nicht nur entscheidend, welche Reize vorhanden sind, sondern auch, wie hoch die aktuelle Kapazität des Systems ist. Diese Kapazität kann sich verändern - zum Beispiel durch Schlaf, Erholung, Trainingszustand, Stressregulation, Heilungsprozesse, Vorerfahrungen oder Anpassungen des Nervensystems.

Wenn die Summe der Belastungsfaktoren im Verhältnis zur aktuellen Kapazität hoch ist, können Schmerzen oder Einschränkungen zunehmen. Das bedeutet: Schmerz ist oft das Ergebnis mehrerer zusammenwirkender Einflussfaktoren.

1. Gewebe- und Reizzustand

Ein wichtiger und oft zuerst untersuchter Treiber ist das Gewebe selbst.

Dazu gehören zum Beispiel eine Verletzung, eine Operation, eine Entzündungsreaktion, eine gereizte Sehne, ein empfindliches Gelenk oder ganz allgemein eine strukturelle Überlastung.

In solchen Fällen ist es sinnvoll, den Zustand des Gewebes ernst zu nehmen und Belastung passend zu dosieren. Häufig geht es nicht um komplette Schonung, sondern um einen zeitlich angepassten Aufbau: Dabei gilt grob gesagt so viel Schutz wie nötig und so viel Belastung wie möglich.

2. Sensibilität des Nervensystems

Schmerz entsteht durch Verarbeitung im Nervensystem.

Wenn Beschwerden länger bestehen, viele Reize zusammenkommen oder der Körper über längere Zeit unter hoher Belastung steht, kann sich das Nervensystem anpassen und dadurch empfindlicher reagieren. Dann können Bewegungen, Druck oder Belastungen schneller als bedrohlich bewertet werden und Schmerzen können stärker oder früher auftreten.

Das bedeutet nicht, dass Schmerzen eingebildet sind. Es bedeutet, dass die Schmerzverarbeitung selbst ein wichtiger Teil des Beschwerdebildes sein kann.

3. Lebensstil und Begleiterkrankungen

Auch der allgemeine gesundheitliche Zustand kann Beschwerden beeinflussen.

Dazu gehören zum Beispiel andere schmerzhafte Beschwerden, chronische Erkrankungen, Erschöpfung, Schlafprobleme oder ungünstige Lebensstilfaktoren.

Diese Faktoren verursachen Schmerzen normalerweise nicht allein, können aber mitentscheiden, wie stark Beschwerden erlebt werden und wie gut der Körper Belastungsreize verarbeiten kann.

4. Gedanken, Gefühle und Verhalten

Schmerzen beeinflussen, wie Menschen denken, fühlen und sich bewegen. Umgekehrt können auch Gedanken, Gefühle und Verhalten das Schmerzerleben beeinflussen.

Sorgen, Angst vor Bewegung, schlechte Erfahrungen oder die Erwartung, dass Belastung schädlich ist, können dazu führen, dass das Nervensystem vorsichtiger reagiert und schneller Alarm schlägt.

Wenn Bewegung als gefährlich erlebt wird, entstehen oft Schonung, Vermeidung oder sehr kontrollierte Bewegungsmuster. Langfristig kann das dazu beitragen, dass Belastbarkeit, Vertrauen und Bewegungsfreiheit abnehmen, was die Kapazität des Organismus reduzieren kann.

5. Alltag, Arbeit und Kontext

Die individuelle Lebenssituation spielt ebenso eine Rolle.

Körperlich schwere Arbeit, monotone Belastungen, langes Sitzen, Zeitdruck, familiäre Belastungen, wenig Pausen, hohe berufliche Anforderungen oder fehlende Unterstützung können beeinflussen, wie viel Gesamtbelastung zusammenkommt.

Auch solche Faktoren verursachen selten Schmerzen allein. Sie können aber dazu beitragen, dass die aktuelle Kapazität schneller überschritten wird.

Die Summe aller Treiber

Die einzelnen Treiber stehen nicht getrennt nebeneinander. Sie können sich gegenseitig beeinflussen.

Beispielsweise kann eine Gewebereizung Schmerzen auslösen. Wenn dadurch Schlaf schlechter wird, Sorgen entstehen und Bewegung vermieden wird, während der alltägliche und berufliche Druck hoch bleibt, kann sich die Gesamtbelastung erhöhen und das Beschwerdebild verstärken oder länger anhalten.

Umgekehrt kann Verbesserung in einem Bereich auch andere Bereiche entlasten. Besserer Schlaf, mehr Sicherheit, gesundheitsfördernde Bewegung oder ein verständlicher Plan können dazu beitragen, dass sich das System erholt und wieder mehr Belastungsreize toleriert.

Zusammenfassend besagt der Kern des Treibermodells somit: Schmerz ist oft das Endprodukt mehrerer zusammenwirkender Einflussfaktoren im Verhältnis zur aktuellen Kapazität des Organismus.

Weiterführende Informationen zu Schmerz finden Sie unter www.retrainpain.org.

Quellen
[1] International Association for the Study of Pain. IASP Terminology: Pain. Revised definition of pain. 2020.
[2] Tousignant-Laflamme Y, Martel MO, Joshi AB, Cook CE. Rehabilitation management of low back pain – it’s time to pull it all together! Journal of Pain Research. 2017.

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