top of page
Bewegung, Sport und Training – Warum überhaupt?
Schlüsselbotschaften

• Internationale Bewegungsempfehlungen
Die WHO empfiehlt Erwachsenen pro Woche 150–300 Minuten moderate oder 75–150 Minuten intensive Ausdaueraktivität sowie Krafttraining an mindestens 2 Tagen pro Woche. Auch langes Sitzen sollte möglichst reduziert werden.

• Bewegung wirkt auf vielen Ebenen
Sie kann Gesundheit, Belastbarkeit, Funktion und Wohlbefinden positiv beeinflussen. Die WHO-Empfehlungen gelten – soweit individuell möglich – auch für Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen.

• Körperliche Arbeit ist nicht automatisch gesundheitsförderndes Training
Arbeit ist oft repetitiv, lang andauernd, wenig steuerbar und mit begrenzter Erholung verbunden. Gezieltes Training kann hier einen wichtigen Ausgleich schaffen.

• Auch bei komplexeren Beschwerden kann Training sinnvoll sein
Bewegung und Training sind oft hilfreich, ersetzen aber nicht immer andere notwendige Maßnahmen. Je nach Situation braucht es zusätzlich weitere medizinische oder therapeutische Unterstützung.

• Physiotherapie kann helfen, Bewegung wieder aufzunehmen
Sie unterstützt dabei, Beschwerden einzuordnen, realistische Ziele zu formulieren, Belastung sinnvoll zu dosieren und alltagstaugliche Strategien zu entwickeln.

Ob zur gesundheitlichen Vorbeugung, bei bereits bestehenden Beschwerden oder im Rahmen einer Physiotherapie: Viele Menschen fragen sich, warum sie sich überhaupt bewegen oder trainieren sollen – besonders dann, wenn sie krank, verletzt oder schmerzgeplagt sind und ein unmittelbarer Effekt zunächst ausbleibt.

Die Frage ist berechtigt. Bewegung ist kein Wundermittel und ersetzt keine notwendigen medizinischen Maßnahmen. Sie ist aber ein wichtiger Bestandteil von Gesundheit und Therapie, weil sie auf mehreren Ebenen wirken kann: auf Muskeln, Sehnen und Gelenke, auf Herz-Kreislauf-System, Stoffwechsel und Nervensystem – und damit auch auf körperliche Funktion, Alltag, Stimmung und allgemeines Wohlbefinden.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen als grobe Orientierung pro Woche etwa 150–300 Minuten moderate oder 75–150 Minuten intensive Ausdaueraktivität – oder eine entsprechende Kombination. Zusätzlich werden muskelkräftigende Einheiten an mindestens zwei Tagen pro Woche empfohlen. Längeres Sitzen sollte möglichst reduziert oder regelmäßig unterbrochen werden. Wichtig ist: Diese Empfehlungen gelten, soweit individuell möglich, auch für Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen. Außerdem gilt: Auch etwas Bewegung ist schon besser als keine. [1]

Diese Empfehlungen sind keine Leistungsziele für sportambitionierte Menschen, sondern gesundheitsbezogene Orientierungwerte. Sie sollen helfen, körperlich aktiver zu werden – auch dann, wenn man nicht fit, schmerzfrei oder vollständig gesund ist. Weiterführende Informationen hierzu finden Sie im Leitfaden der WHO sowie in den österreichischen Bewegungsempfehlungen.

Zunächst ist es hilfreich, zwischen allgemeiner Bewegung, Ausdaueraktivität, gezieltem Training und Physiotherapie zu unterscheiden.

Allgemeine Bewegung hilft vor allem, Inaktivität zu reduzieren und Aktivität in den Alltag zurückzubringen. Ausdaueraktivität fordert stärker das Herz-Kreislauf-System. Gezieltes Training kann Kraft und Belastungstoleranz aufbauen. Physiotherapie kann helfen, wenn körperliche Beschwerden, Unsicherheit oder gesundheitliche Einschränkungen eine individuelle Einordnung, Dosierung und Planung notwendig machen.

Allgemeine Bewegung: Reduktion der Inaktivität

Allgemeine Bewegung meint jede Form von körperlicher Aktivität im Alltag: Gehen, Treppensteigen, Radfahren, Spazierengehen, Gartenarbeit, längere aktive Wege oder das regelmäßige Unterbrechen langer Sitzphasen.

Diese Form der Bewegung muss nicht sportlich wirken, um gesundheitlich relevant zu sein. Gerade bei Menschen, die sich wenig bewegen, krank waren oder Schmerzen haben, kann dieser niedrigschwellige Einstieg besonders wichtig sein. Auch internationale Bewegungsempfehlungen betonen deshalb nicht nur Sportprogramme, sondern körperliche Aktivität im Alltag und die Reduktion von sitzendem Verhalten. [1]

Dabei geht es nicht darum, sofort das optimale Trainingsprogramm zu absolvieren. Oft beginnt der erste Schritt damit, wieder mehr körperliche Aktivität in den Alltag zu bringen, den Körper langsam an Belastung zu gewöhnen und Vertrauen in Bewegung wiederzuerlangen.

Ausdaueraktivität: Herausforderung für Herz und Kreislauf

Mit Ausdaueraktivität ist eine körperliche Betätigung gemeint, die das Herz-Kreislauf-System spürbar fordert. Dazu können zum Beispiel zügiges Gehen, Radfahren, Schwimmen, Laufen, Wandern, Tanzen oder andere länger andauernde Aktivitäten gehören.

Dieser Bereich ist besonders relevant für die allgemeinen Bewegungsempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Wenn dort von 150–300 Minuten moderater oder 75–150 Minuten intensiver Aktivität pro Woche gesprochen wird, ist damit nicht bloß jede kleine Alltagsbewegung gemeint. Gemeint ist körperliche Aktivität, die je nach Intensität Atmung und Herzfrequenz merklich erhöht. [1]

„Moderat“ bedeutet vereinfacht: Man merkt die Belastung deutlich, kann sich aber meist noch unterhalten. "Intensiv“ bedeutet: Die Belastung ist anstrengender, Atmung und Herzfrequenz steigen stärker, und längeres Sprechen fällt zunehmend schwerer.

Dabei muss Ausdaueraktivität nicht zwingend klassischer Sport sein. Auch zügiges Gehen, Radfahren im Alltag oder längere aktive Wege können dazu beitragen, wenn die Intensität ausreichend ist. Entscheidend ist weniger die Bezeichnung, sondern die körperliche Wirkung: Der Körper wird regelmäßig so gefordert, dass Herz-Kreislauf-System, Stoffwechsel und Ausdauer davon profitieren können.

Gezieltes Training: Aufbau von Kraft und Belastbarkeit

Gezieltes Training geht über allgemeine Bewegung hinaus. Es ist geplant, dosiert und verfolgt ein bestimmtes Ziel – zum Beispiel Kraft oder Belastbarkeit von Muskeln, Sehnen und Gelenken zu verbessern.

Gerade bei Schmerzen, nach Verletzungen oder längerer Inaktivität spielt Belastungsverträglichkeit eine wichtige Rolle. Zu viel Belastung kann Beschwerden verstärken. Dauerhaft zu wenig Belastung kann aber ebenfalls problematisch sein, weil Muskeln, Sehnen, Gelenke und das Herz-Kreislauf-System Belastbarkeit verlieren können.

Training bedeutet deshalb nicht einfach, einzelne Übungen auszuwählen. Entscheidend ist, die gesamte Belastung sinnvoll an die individuelle Belastbarkeit, den Alltag und die Lebenssituation anzupassen.

Wichtig ist auch: Vorübergehende Beschwerden während oder nach einer Belastung bedeuten nicht automatisch, dass Schaden entsteht. Entscheidend ist, ob die Belastung insgesamt angemessen ist, ob Beschwerden wieder abklingen und ob sich Belastbarkeit und Funktion langfristig verbessern lassen.

Körperliche Arbeit ersetzt nicht automatisch gesundheitsförderndes Training

Ein wichtiger Punkt wird häufig übersehen: Körperliche Aktivität im Beruf ist nicht automatisch dasselbe wie gesundheitsfördernde Bewegung oder gezieltes Training.

Körperlich schwere Arbeit ist oft lang andauernd, repetitiv, kaum selbstbestimmt und mit begrenzter Erholung verbunden. Sie kann statische Haltungen, schweres Heben, monotone Bewegungen oder Zeitdruck beinhalten. Gezieltes Training ist dagegen meist besser dosierbar, kürzer, planbarer und mit ausreichender Regeneration kombinierbar.

In der Literatur wird dieses Phänomen als „Physical Activity Paradox“ beschrieben: Körperliche Aktivität in der Freizeit ist meist mit gesundheitlichen Vorteilen verbunden, während hohe körperliche Belastung im Beruf nicht automatisch dieselben Effekte hat und sich unter bestimmten Bedingungen auch ungünstig auswirken kann. [2]

Das bedeutet praktisch: Wer körperlich hart arbeitet, ist nicht automatisch gesund trainiert. Gerade dann kann ein gezieltes, gut dosiertes Ausgleichs- oder Kräftigungsprogramm sinnvoll sein.

Bewegung, Sport und Training sind nicht einfach Schmerzmittel

Ein häufiges Missverständnis ist die Erwartung, dass Bewegung, Sport oder Training vor allem deshalb sinnvoll sind, weil sie Schmerzen reduzieren sollen. Das kann durchaus passieren, ist aber nicht immer der wichtigste oder realistischste Effekt.

Oft zeigt sich der Nutzen schrittweise: Menschen werden belastbarer, bewegen sich sicherer, können alltägliche Tätigkeiten wieder besser ausführen, entwickeln mehr Vertrauen in den eigenen Körper und erleben mehr Selbstwirksamkeit. Schmerzen können sich dadurch ebenfalls verbessern, müssen aber nicht sofort oder vollständig verschwinden.

Das ist besonders bei länger bestehenden Beschwerden wichtig. Schmerzen entstehen nicht immer nur durch einen klar sichtbaren Gewebeschaden. Häufig spielen mehrere Faktoren zusammen: körperliche Belastung, Heilungsprozesse, Nervensystem, Schlaf, Stress, psychische Belastung, Angst vor Bewegung, frühere Erfahrungen, Begleiterkrankungen sowie soziale oder berufliche Umstände.

Deshalb können Bewegung und Training zwar helfen, aber nicht immer alles allein lösen. Manchmal braucht es zusätzlich Aufklärung, Anpassungen im Alltag, eine bessere Schlaf- oder Belastungsroutine, ärztliche Abklärung, soziale Unterstützung oder andere therapeutische Maßnahmen.

Das bedeutet nicht, dass Bewegung unwichtig ist. Es bedeutet nur, dass sie in einen größeren Zusammenhang eingebettet werden sollte. Besonders bei länger bestehenden oder komplexen Beschwerden ist ein rein mechanisches Denken oft zu kurz gegriffen.

Bewegung und Training bleiben somit zentrale Bausteine, weil sie helfen können, Funktion, Belastbarkeit und Alltagssicherheit wieder aufzubauen. Die Studienlage zeigt, dass bewegungsbasierte Interventionen bei vielen chronischen Erkrankungen positive Effekte auf Lebensqualität und körperliche Funktion haben können. Bei Menschen mit mehreren langfristigen Erkrankungen können angepasste Bewegungsprogramme zusammen mit Selbstmanagement-Unterstützung vor allem die gesundheitsbezogene Lebensqualität verbessern. Die Effekte sind nicht immer groß und nicht bei allen Menschen gleich, sprechen aber dafür, Bewegung und Training als wichtigen Bestandteil von Therapie, Selbstmanagement und medizinischer Versorgung zu verstehen. [3,4,5]

Mehr dazu, welche Faktoren Schmerzen beeinflussen können, finden Sie unter „Schmerzgrundlagen: Treibermodell“.

Welche Rolle spielt Physiotherapie dabei?

Physiotherapie kann in diesem Zusammenhang mehr leisten als das reine Anleiten einzelner Übungen. Sie hilft dabei, Beschwerden einzuordnen, realistische Ziele zu formulieren, Bewegung und Belastung sinnvoll zu dosieren und Strategien für den Alltag zu entwickeln.

Gerade Schmerzen oder Verletzungen führen häufig zu Unsicherheit. Viele Menschen fragen sich:

• Darf ich das belasten?
• Mache ich etwas kaputt?
• Ist Schmerz gefährlich?
• Soll ich mich schonen oder aktiv werden?

Physiotherapie kann helfen, solche Fragen individuell zu klären. Dabei geht es nicht nur um Kraft oder Beweglichkeit, sondern auch darum, wieder Vertrauen in den eigenen Körper aufzubauen. Das Ziel ist nicht nur, ein Übungsprogramm durchzuführen, sondern Bewegung und Belastung wieder besser einschätzen und selbst steuern zu können.

Ein moderner physiotherapeutischer Ansatz verbindet daher häufig mehrere Elemente:

• Aufklärung über Beschwerden
• schrittweiser Belastungsaufbau
• individuell angepasstes Training
• Umgang mit Schmerz und Unsicherheit
• Selbstmanagement im Alltag

Von Physiotherapie, Bewegung oder Training sollte man also nicht erwarten, dass jede Beschwerde sofort verschwindet. Realistischer ist, dass sie dabei helfen können, Beschwerden besser zu verstehen, Unsicherheit zu reduzieren, Belastbarkeit schrittweise aufzubauen, Funktion im Alltag zu verbessern, Schonverhalten zu verringern und eine langfristig umsetzbare Bewegungsroutine zu entwickeln.

Bei manchen Menschen verbessern sich Schmerzen deutlich. Bei anderen verändert sich zunächst eher die Belastbarkeit, die Beweglichkeit, die Stimmung oder die Fähigkeit, den Alltag besser zu bewältigen. Auch das kann ein wichtiger therapeutischer Fortschritt sein.

All das passt zu einer möglichen Erwartung an Physiotherapie: Diese liegt häufig darin, Funktion und Belastung wieder möglich, verständlich und langfristig steuerbar zu machen – nicht allein darin, Symptome zum aktuellen Zeitpunkt zu lindern.

Mehr dazu, welche therapeutischen Grundempfehlungen bei Beschwerden am Bewegungsapparat gegeben werden, finden Sie unter „Grundprinzipien physiotherapeutischer Versorgung“.

Zusammenfassend

Bewegung, Sport und Training sind nicht deshalb sinnvoll, weil sie jede Erkrankung direkt heilen oder Schmerzen sofort verschwinden lassen. Sie sind sinnvoll, weil sie auf vielfältigen Ebenen zur Gesundheit und zum Wohlbefinden beitragen können.

Allgemeine Bewegung hilft, Inaktivität zu reduzieren und Aktivität ins tägliche Leben zurückzubringen. Ausdaueraktivität fordert das Herz-Kreislauf-System und unterstützt Ausdauer, Stoffwechsel und körperliche Leistungsfähigkeit. Gezieltes Training baut Kraft, Funktion und Belastbarkeit für alltägliche Belastungsanforderungen auf.

Physiotherapie kann dabei helfen, Beschwerden einzuordnen, individuell passende Dosierungen zu finden und Bewegung wieder sicherer und selbstverständlicher werden zu lassen.

Obwohl Bewegung kein Allheilmittel ist, spricht die vorhandene Evidenz dafür, sie als zentralen Bestandteil von Therapie, Selbstmanagement und der persönlichen Gesundheit zu verstehen – gerade dann, wenn Unsicherheit, körperliche Beschwerden oder chronische Erkrankungen das alltägliche Leben einschränken. [1,3,4,5]

Quellen
[1] Bull FC, Al-Ansari SS, Biddle S, et al. World Health Organization 2020 guidelines on physical activity and sedentary behaviour. British Journal of Sports Medicine. 2020.
[2] Holtermann A, Krause N, van der Beek AJ, Straker L. The physical activity paradox: six reasons why occupational physical activity does not confer the cardiovascular health benefits that leisure time physical activity does. British Journal of Sports Medicine. 2018.
[3] Bricca A, Harris LK, Jäger M, et al. Benefits and harms of exercise therapy in people with multimorbidity. Ageing Research Reviews. 2020.
[4] Dibben GO, Gardiner L, Young HML, et al. Evidence for exercise-based interventions across 45 different long-term conditions. EClinicalMedicine. 2024.
[5] Skou ST, Nyberg M, Dideriksen M, et al. Exercise therapy and self-management support for individuals with multimorbidity. Nature Medicine. 2025.

bottom of page